Urodynamik und Beckenboden

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Die Urodynamik zeigt, wie Blase und Beckenboden zusammenspielen. Erfahre, was die Untersuchung misst, welche Fehler dabei passieren und wie du sie vermeidest.

Die Blase, ein stilles Organ

Blase, Harnröhre und Prostata melden sich im Alltag kaum. Die Blase speichert deinen Urin, und die Harnröhre nimmst du meistens gar nicht bewusst wahr. Die männliche Harnröhre leitet Harn und Spermien und hat damit eine doppelte Funktion.

Damit die Ausscheidung funktioniert, wie du es willst, arbeiten das Gehirn und das vegetative Nervensystem eng zusammen. Auf dieses hochkomplexe Zusammenspiel der Nerven hat dein Wille nur begrenzt Einfluss. Bei Inkontinenz und anderen Blasenproblemen ist deshalb die Urodynamik eine wichtige Diagnostik.

Was ist Urodynamik?

Die Urodynamik misst, wie die Harnblase Urin speichert und wie sie ihn wieder entleert. Drucksonden erfassen den Druck in Blase und Bauchraum, Klebeelektroden auf dem Damm leiten die Muskelaktivität des Beckenbodens ab. Bekannt ist die Untersuchung auch als Blasendruckmessung. Eine zweite Definition beschreibt sie als Lehre von Harntransport und Harnentleerung. Angewendet wird sie in der Urologie und in der Kinderurologie.

Wozu wird die Urodynamik eingesetzt?

Sie ordnet Funktionsstörungen der Blase ein und beantwortet zum Beispiel, ob bei Inkontinenz eine Operation infrage kommt. Bei neurogenen Störungen der Blasenfunktion wird häufig die Video-Urodynamik angewendet.

Die Urodynamik ist für den Patienten keine angenehme Methode. Deshalb sollten weniger belastende Abklärungen bei einer Blasenstörung zuerst angewendet werden.

Was die Urodynamik über den Beckenboden aussagt

Zur Urodynamik gehört mehr als nur eine Druckmessung. Bei der Zystometrie füllt sich die Blase über einen dünnen Katheter langsam, während der Druck laufend aufgezeichnet wird. So zeigt sich, ab wann die Blase Harndrang meldet und wie viel sie fasst.

Parallel dazu läuft das Beckenboden-EMG, die Elektromyographie. Muskeln erzeugen beim Anspannen winzige elektrische Ströme. Elektroden auf dem Damm greifen diese Ströme ab, ganz ähnlich wie beim Biofeedback in der Therapie, und machen sichtbar, wann die quergestreifte Beckenbodenmuskulatur und der äussere Schliessmuskel anspannen und wann sie loslassen.

Beim gesunden Wasserlassen arbeiten Blase und Beckenboden gegenläufig. Der Blasenmuskel zieht sich zusammen, Beckenboden und Schliessmuskel lassen los. Füllt sich die Blase, steigt die Muskelaktivität dagegen langsam an. Die Urodynamik macht sichtbar, ob dieses Zusammenspiel gelingt.

Wenn der Beckenboden beim Wasserlassen nicht loslässt

Spannt der Beckenboden beim Wasserlassen an, statt loszulassen, arbeitet er gegen die Blase. Der Harnstrahl wird schwächer, Restharn bleibt zurück, und der Druck in der Blase steigt. Sichtbar wird das nur, wenn jemand das EMG korrekt ableitet und die Kurve richtig liest.

Zeigt die Messung, dass die Koordination gestört ist, hilft z. B. biofeedbackgestütztes Beckenbodentraining.

Wann eine Urodynamik sinnvoll ist

Sinnvoll wird die Untersuchung, wenn unklar bleibt, warum jemand inkontinent ist oder warum die Blase nicht richtig arbeitet. Die Urodynamik zeigt, ob die Blase den Urin nicht halten oder nicht loswerden kann. Genau diese Unterscheidung entscheidet später über die Therapie oder ggf. auch über eine OP.

Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein:

  • anatomisch

  • neurologisch

  • angeboren

Was vor der Urodynamik abgeklärt werden sollte

Die Urodynamik belastet PatientInnen. Sonden werden eingeführt, viele erleben den Ablauf als unangenehm. Wie aussagekräftig das Ergebnis wird, hängt davon ab, wie sauber jemand misst. Deshalb ist es so wichtig, dass Fachkräfte, die eine Urodynamik ausführen, gut ausgebildet sind.

Beckenbodentraining, Miktionstagebuch und Blasenspiegelung

Vor einer Urodynamik sollte man alternative Methoden erst anwenden. Ein Miktionstagebuch zeigt, wie oft und wie viel jemand tatsächlich Wasser lässt. Eine Blasenspiegelung liefert weitere Hinweise. Beckenbodentraining und Physiotherapie stehen in vielen Fällen am Anfang der Behandlung.

Erst wenn diese Wege ausgeschöpft sind oder der Befund unklar bleibt, liefert die Urodynamik neue Hinweise.

Wer eine Urodynamik durchführt, braucht Erfahrung

Die Untersuchung verlangt erhebliches Fachwissen. Schleicht sich beim Messen ein Fehler ein, entstehen falsche Werte, und auf falschen Werten baut am Ende eine Therapie auf, die evtl. nicht passt. Manche PatientInnen landen dadurch im Operationssaal, obwohl es einen anderen Weg gegeben hätte.

Thomas Engels begleitet dieses Thema seit Jahren. Er ist Krankenpfleger, Fachkrankenpfleger für Innere Medizin und Intensivmedizin, Urotherapeut und Kontinenztrainer nach KgKS e.V. mit einer Weiterbildung in Palliative Care. 2017 erhielt er den Wolfgang-Knipper-Preis. Ihm geht es weniger um Schuld als um Sorgfalt: “Wer genau weiss, was während der Messung passiert, schützt seine PatientInnen”, sagt er.

Welche Fehler bei der Urodynamik am häufigsten passieren können

Der häufigste Fehler passiert ganz am Anfang, beim Nullabgleich zur Atmosphäre. Als Referenzwert dient die Raumluft, also das Gewicht der Luft um uns herum. Stimmt dieser Abgleich nicht, stimmt danach kein einziger Druckwert.

Weitere typische Fehlerquellen:

  • Messung bei bestehendem Infekt

  • Messung während der Menstruation

  • falsches Entlüften des Systems

  • Elektroden, die verrutschen oder schlecht kleben

  • Voruntersuchungen, die fehlen oder unvollständig bleiben

Wird bei einem bestehenden Infekt gemessen, verdecken die Werte das eigentliche Problem. Dasselbe gilt während der Menstruation. Ein verschobener Termin bringt mehr als eine schlechte Messung.

Urodynamik und Urotherapie

Die Urodynamik liefert Zahlen und Kurven. Was daraus wird, entscheidet die Urotherapie. Sie begleitet Menschen mit Harn- oder Stuhlinkontinenz und verfolgt zwei Ziele.

  • Sie verbessert die Lebensqualität und stärkt die Selbstständigkeit der Betroffenen

  • Sie baut Tabus und Ängste rund um Ausscheidungsstörungen ab

Beides gelingt nur, wenn der Befund stimmt. Deshalb hängen Diagnostik und Therapie so eng zusammen. Wer sauber misst, ermöglicht der Urotherapie eine gute Ausgangslage. Wer schlecht misst, schickt sie in die falsche Richtung.

Wie du dich weiterbilden kannst

Ein Kurs von 60 Minuten reicht nicht, um urodynamisch sicher zu messen. Diese drei Wege bringen dich weiter:

  • Hospitiere in einem Haus, das viel misst

  • Sieh dir das frei zugängliche Urodynamik-Videotutorial von Thomas Engels an (Link ergänzen)

  • Haltet schriftlich fest, wie ihr vorbereitet und messt

Bücher zur Urodynamik

“Urodynamik. Ein Leitfaden für Pflege, Assistenzberufe und Urotherapie” ist 2025 bei Kohlhammer erschienen. Geschrieben haben es Thomas Engels, Franziska Ott und Martin Krause, drei UrotherapeutInnen aus Urologie, Neurourologie und Kinderbereich. Auf 167 Seiten erklären sie, wie der untere Harntrakt funktioniert, wie eine Messung technisch abläuft und wie sich typische Fehler vermeiden lassen.

Das Buch empfiehlt, wie du im Alltag handelst, und richtet sich an alle Fachkräfte und ÄrztInnen, die mit der Urodynamik beginnen. Weitere Themen:

  • was rechtlich gilt, wenn jemand untersucht, ohne eingewiesen und geschult zu sein

  • warum Weiterbilden und Hospitieren zur Qualifikation dazugehören

  • wie du kultursensibel pflegst und Menschen mit Handicap einbeziehst

Thomas Engels ist ausserdem Mitautor des Fachbuchs “Störungen der Harnausscheidungen”, ebenfalls bei Kohlhammer erschienen.

Beckenboden-Weiterbildung bei BeBo®

Die Urodynamik liefert die Diagnose. Die Therapie beginnt danach, und der Beckenboden spielt dabei eine zentrale Rolle. Wenn du Menschen mit Inkontinenz oder Blasenfunktionsstörungen begleitest, findest du bei BeBo® die passende Weiterbildung.

Wir bilden Beckenboden Fachpersonen, BeckenbodentrainerInnen und BeckenbodentherapeutInnen aus und veranstalten regelmässig auch Workshops rund um Blase, Darm und Beckenboden. Unsere Ausbildungen richten sich an PhysiotherapeutInnen, Pflegefachpersonen, Hebammen, ÄrztInnen und TrainerInnen. Buche dir gerne ein Beratungsgespräch, wenn du an einer Ausbildung interessiert bist.

Thomas Engels beim BeBo® Symposium 2027

Einmal im Jahr bringt unser Symposium Menschen aus Medizin, Therapie und Training zusammen. Das 15. BeBo®-Symposium findet am

Samstag, 16. Januar 2027 im Stadtspital Triemli in Zürich und online statt,

von 9 bis 17 Uhr.

Das Thema: “Dem Beckenboden auf der Spur: erkennen, verstehen, anwenden”.

Thomas Engels ist als Gastreferent mit dem Thema “Wenn Kurven sprechen: Urodynamik lesen und den Beckenboden verstehen” dabei. Er zeigt an Fallbeispielen aus seiner Praxis, was du aus einer urodynamischen Grafik herauslesen kannst. Du lernst, eine Belastungsinkontinenz von einer Entleerungsstörung zu unterscheiden und was der Befund für deine Therapieplanung bedeutet.

Hier erfährst du mehr über das Symposium und die weiteren GastreferentInnen. Den Frühbucherrabatt gibt es bis Ende September. Melde dich am besten gleich an.