Multiple Sklerose und der Beckenboden

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Multiple Sklerose betrifft das zentrale Nervensystem und häufig auch den Beckenboden. Blasenprobleme, Inkontinenz, Darmfunktionsstörungen oder sexuelle Störungen sind typische Begleiter.

Multiple Sklerose betrifft den Beckenboden oft zuerst

Multiple Sklerose greift das gesamte Nervensystem an. Dennoch zeigen viele Betroffene ihre größten Schwierigkeiten in einem sehr sensiblen Bereich: dem Beckenboden.

Was passiert bei MS

Multiple Sklerose (MS) ist eine autoimmune, chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems. Das körpereigene Immunsystem greift die Myelinscheiden der Nervenfasern an, jene Schutzhüllen, die elektrische Signale im Körper weiterleiten. Dadurch entstehen Entzündungsherde in Gehirn und Rückenmark. Die Informationsübertragung gerät ins Stocken, Reize kommen verspätet oder gar nicht an.

Die Krankheit beginnt häufig zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, meist in Schüben, die sich über Tage oder Wochen entwickeln. Die Symptome bilden sich häufig zurück, können aber mit der Zeit bleibende Spuren hinterlassen.


Frauen sind rund dreimal häufiger betroffen als Männer.

Warum der Beckenboden bei MS so entscheidend ist

Der Beckenboden ist Teil eines hochkomplexen Systems aus Muskeln, Nerven, Faszien und Blutgefäßen. Er kontrolliert die Funktion von Blase, Darm und Geschlechtsorganen und damit viele körperliche und emotionale Prozesse.

Wenn die Nervenleitung im Rückenmark durch MS gestört ist, verliert der Beckenboden seine fein abgestimmte Kontrolle. Muskelspannung und Wahrnehmung geraten aus dem Gleichgewicht.

Typische Folgen:

  • unkontrollierter Harndrang oder Harnverlust

  • verzögerte Blasenentleerung

  • häufige Harnwegsinfekte

  • Verstopfung oder plötzlicher Stuhldrang

  • verminderte Sensibilität im Intimbereich

  • sexuelle Funktionsstörungen

Die Betroffenen fühlen sich dadurch oft im Alltag eingeschränkt, weil sie sich sozial abkapseln und auch körperlich und emotional leiden.

Blase und Darm

Blasenentleerungsstörungen können aufgrund von Obstipation entstehen. Die Stauung von Stuhl im Enddarm übt Druck auf die Harnröhre aus, die Blase kann sich nicht richtig entleeren. Darum müssen Darm und Blase immer zusammen gesehen werden, da sie ähnliche Nervenbahnen besitzen.

Blasenstörungen bei Multiple Sklerose

Etwa acht von zehn MS-Betroffenen entwickeln im Verlauf eine neurogene Blasenstörung. Sie zählt zu den häufigsten Begleitsymptomen der Erkrankung. Je nachdem, welche Nervenabschnitte betroffen sind, kann die Blase überaktiv oder träge (hypoaktiv) reagieren.

Symptome der überaktiven Blase:

  • häufiger Harndrang

  • kleine Urinmengen

  • plötzliche, unkontrollierbare Entleerungen

Symptome der hypoaktiven Blase:

  • schwacher Harnstrahl

  • Restharngefühl

  • lange Wartezeiten bis zur Entleerung

Warum das problematisch ist:

Restharn kann Infektionen begünstigen. Ein zu hoher Blasendruck kann die Nieren belasten. Darum ist eine fachärztliche Abklärung (neurologisch und urologisch) essenziell, wenn du Symptome hast.

Was hilft bei Blasenproblemen

Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und natürlich nach den Symptomen. Häufig wird sie kombiniert aus Medikamenten, Training und Verhaltenstherapie.

Wichtige Maßnahmen:

  • Beckenbodentraining: stärkt die Muskeln, verbessert Wahrnehmung und Kontrolle

  • Blasentraining: geplanter Toilettengang in festen Intervallen

  • Toilettentraining: Ruhe, Zeit und stabile Sitzposition fördern vollständige Entleerung

  • ISK Intermittierender Selbstkatheterismus: bei Restharn und Blasenentleerungsstörungen

  • Atemübungen: Zwerchfellatmung unterstützt Druckausgleich im Becken

  • Entleerungstechniken: z. B. leichtes Anspannen der Bauchmuskulatur oder rhythmisches Atmen

  • Flüssigkeitszufuhr: lieber regelmäßig und ausreichend trinken, statt zu vermeiden

  • Regelmäßige Kontrolle: Harnwegsinfekte früh erkennen und behandeln

  • Neurourologische Abklärung: der Blase und des Darms

Das solltest du besser nicht machen:
Intensive Massage an spastischen Beinen oder übermäßiges Pressen beim Toilettengang. Beides kann die Beschwerden verschlimmern.

Darmfunktionsstörungen bei MS

Verstopfung, Stuhlinkontinenz oder eine Kombination aus beidem, werden als Darmfunktionsstörung bezeichnet. Auch die Darmfunktion hängt stark von intakten Nervenverbindungen ab. Wenn diese gestört sind, kommt es häufig zu Verstopfung oder imperativem Stuhldrang, d. h. das sehr plötzliche Bedürfnis dringend auf die Toilette zu müssen.

Häufige Symptome:

  • harter Stuhlgang, unregelmäßige Entleerung

  • Druck- oder Völlegefühl

  • plötzlicher, unaufschiebbarer Drang

  • selten: Stuhlinkontinenz

Die Ursache liegt oft in einer reduzierten Bewegung. Betroffene mit Gehstörungen sitzen oder liegen viel, der Darm arbeitet träger.

Hilfreich sind für dich:

  • Wahrnehmungstraining für Beckenboden und Anus

  • tägliche Bewegung im Rahmen deiner Möglichkeiten

  • ballaststoffreiche Ernährung angepasst an die individuelle Verträglichkeit

  • ausreichend Flüssigkeit

  • feste Toilettenzeiten (am besten nach dem Frühstück)

  • sanfte Bauchmassagen

  • Autogenes Training

  • Stuhlweichmacher bei Verstopfung

  • Transanale Irrigation (kontrollierte Darmentleerung) bei Verstopfung, Stuhlschmieren oder Inkontinenzepisoden

Ein regelmäßiger Rhythmus unterstützt die Darmfunktion und verhindert Überlastung des Beckenbodens.

Sexualität und Multiple Sklerose

Sexualität ist ein zentrales Thema, das bei chronischen Erkrankungen häufig in den Hintergrund rückt. Dabei trägt sie wesentlich zur Lebensqualität bei. MS kann sowohl körperliche als auch emotionale Aspekte beeinflussen.

Physische Veränderungen:

  • Trockenheit der Vaginalschleimhaut

  • verminderte Sensibilität im Genitalbereich

  • Erektionsstörungen oder verzögerte Ejakulation

  • spastische Muskulatur im Becken oder in den Oberschenkeln

Emotionale Faktoren:

  • Unsicherheit, Scham oder Angst

  • Fatigue (chronische Erschöpfung)

  • Medikamentennebenwirkungen

Was helfen kann:

  • behutsame Beckenbodenübungen zur Förderung von Durchblutung und Wahrnehmung

  • Pflege des Intimbereichs

  • Atemtechniken zur Entspannung

  • offenes Gespräch mit dem Partner oder medizinischer Beratung

  • ggf. Sexualtherapie oder Hilfsmittel

Ein bewusster, achtsamer Umgang mit dem eigenen Körper kann dir helfen, verlorenes Vertrauen und Intimität wieder aufbauen.

Bewegung trotz Spastizität

Spastizität, also eine übermäßige Muskelspannung, ist bei MS weit verbreitet.
Sie betrifft häufig Beine, Becken und Rumpf und kann zu Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen führen. Gezielte Bewegung hilft, Spannungen zu regulieren und Beweglichkeit zu erhalten.

Empfehlenswert sind:

  • sanfte Dehnungen

  • aktive und passive Bewegungsübungen

  • Atemtherapie und progressive Entspannung

  • Hippotherapie: die rhythmischen Bewegungen des Pferdes fördern Balance und Lockerung

  • Wahrnehmungsschulung, um Muskelspannung früh zu erkennen

Ziel ist nicht Kraft, sondern Koordination und Kontrolle zu erhalten. Der Körper lernt, Spannung und Entspannung wieder zu unterscheiden, eine zentrale Grundlage für funktionelle Beckenbodenarbeit.

Rehabilitation – Schritt für Schritt zurück ins Leben

Nach einem Schub oder bei fortgeschrittener MS steht die Rehabilitation im Mittelpunkt. Sie unterstützt Patientinnen und Patienten dabei, ihren Alltag möglichst selbstständig zu gestalten.

Dazu gehören:

  • Physiotherapie: Mobilität und Muskelbalance erhalten

  • Ergotherapie: Alltagstraining und Anpassung von Hilfsmitteln

  • Logopädie: Unterstützung bei Sprech- oder Schluckstörungen

  • Psychologische Begleitung: Umgang mit chronischer Krankheit

In der Beckenbodentherapie spielt Wahrnehmung eine zentrale Rolle. Ziel ist es, Kontakt zum eigenen Körper wiederherzustellen, auch bei eingeschränkter Nervenleitung. Durch gezielte Übungen lernen Betroffene, Muskelreaktionen zu spüren, zu steuern und im Alltag einzusetzen.

Alltagstipps für mehr Kontrolle und Wohlbefinden

  • Blasen- und Toilettentraining regelmäßig durchführen

  • Beckenbodentraining individuell anpassen, am besten einen Beckenbodentherapeuten kontaktieren.

  • auf Signale des Körpers hören: Müdigkeit, Spastik oder Stress ernst nehmen

  • bei Hitze ausreichend trinken und Pausen einplanen (Temperaturschwankungen verschlechtern Symptome)

  • Entspannungstechniken in den Alltag integrieren: Atemübungen, Meditation, sanftes Yoga

  • Austausch mit anderen Betroffenen z. B. in Selbsthilfegruppen oder Reha-Angeboten

Mit kleinen, regelmäßigen Schritten lässt sich viel erreichen: mehr Kontrolle, mehr Vertrauen, mehr Lebensqualität.

Beckenbodentherapie und Multiple Sklerose

MS betrifft den ganzen Körper, doch im Bereich des Beckenbodens entscheidet sich oft, wie selbstbestimmt der Alltag bleibt. Gezieltes Training, bewusste Atmung und fachkundige Begleitung helfen, Funktionen zu stabilisieren und Kontrolle zurückzugewinnen.

Blase, Darm und Sexualität sind sensible Themen, aber sie verdienen Aufmerksamkeit, weil sie für Lebensqualität, Intimität und Würde stehen.
Unsere BeBo® Beckenboden Therapeuten können dir dabei helfen, im Alltag besser zurechtzukommen.

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