Levatoravulsion: Wenn der Beckenboden reisst

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Bei einer vaginalen Geburt kann sich ein Teil des Beckenbodens von der Symphyse ablösen. Wir zeigen dir, woran du eine Levatoravulsion erkennst und was dann hilft.

Was ist eine Levatoravulsion?

Der Musculus levator ani ist der Hauptakteur der tragenden Muskelschicht des Beckenbodens. Bei einer Levatoravulsion reisst er von seiner Fixierung an der Symphyse ab. Das kann auf einer Seite passieren oder auf beiden, ganz oder teilweise. Je nach Studie findet sich eine Avulsion vermutlich bei bis zu 15 bis 40 Prozent der Frauen nach einer vaginalen Geburt.

Davon zu unterscheiden ist die Überdehnung. Hier bleibt der Muskel am Knochen, verliert aber an Spannung. Nach einer Avulsion oder einer starken Überdehnung bleibt der Levatorhiatus weit. Genau diese Weite macht dem Beckenboden im Alltag zu schaffen.

Wann entsteht eine Levatoravulsion?

Die Verletzung entsteht gehäuft bei der ersten vaginalen Geburt. Der Muskel muss sich dabei erstmals bis auf mehr als das Dreifache seiner Länge weiten. So stark dehnt sich kein anderer Muskel im Körper. Das Risiko steigt vor allem bei:

  • einer Zangengeburt und etwas weniger bei einer Saugglocke

  • einer langen Pressphase und einem grossen Kopf

  • einem Geburtsgewicht über 4000 Gramm

  • einer Fehleinstellung des Köpfchens im Becken, etwa der hinteren Hinterhauptslage

  • einer ersten Geburt nach dem 35. Lebensjahr

  • einer Sturzgeburt, bei der die Austrittsperiode so kurz ist, dass das Gewebe keine Zeit zum Nachgeben hat

  • dem Kristeller-Handgriff

Schützt eine Bauchgeburt vor einer Levatoravulsion?

Ja, bei einer Bauchgeburt kommt es nicht zu einer Avulsion, denn es findet kein Durchtritt durch den Beckenboden statt. Einen immer funktionstüchtigen Beckenboden garantiert eine Bauchgeburt damit aber nicht. Hier entstehen Verletzungen in der Bauchwand. Bleibt die Bauchwand schwach, muss der Beckenboden dies über längere Zeit kompensieren. Ist er damit überfordert, kommt es auch hier zu Beckenbodenproblemen. Deswegen profitieren alle Mütter von einer kompetenten Rückbildung.

Wenn eine Frau keinen Bezug mehr zu ihrem Beckenboden hat

Eine Frau kommt in deinen Rückbildungskurs. Seit der Geburt spürt sie Druck nach unten sowie ein Fremdkörpergefühl in der Vagina. Langes Stehen ist ihr unangenehm. Beim Üben findet sie keinen Zugang zu ihrem Beckenboden, sie kann ihn nicht ansteuern. Bei der Abschlussuntersuchung in der Praxis wurde nichts Auffälliges ertastet.

In den ersten Wochen nach einer vaginalen Geburt können solche Beschwerden durchaus auftreten. Bessern sie sich jedoch nicht in den ersten 3 Monaten, so ist dies nicht normal.

Darauf weisst auch die Berliner Urogynäkologin PD Dr. Kaven Baeßler als typisch für eine Levatoravulsion hin. Sie ist eine anerkannte Spezialistin auf diesem Gebiet.

Welche Beschwerden verursacht eine Levatoravulsion?

Durch den Abriss verliert der Levator seine Haltefunktion. Das macht sich bemerkbar als:

  • permanenter Druck nach unten

  • Fremdkörpergefühl in der Vagina

  • fehlendes Gefühl für den Beckenboden, er lässt sich kaum ansteuern

  • einseitige Schwäche des Beckenbodens

  • Schwierigkeiten, lange zu gehen oder zu stehen

  • Einschränkungen in der Sexualität

  • Belastungsinkontinenz

Später entwickelt sich daraus häufig eine nachweisbare Senkung. Wird diese operiert, ist das Rückfallrisiko bei einer Avulsion erhöht.

Eine Levatoravulsion kann die Lebensqualität der Betroffenen also deutlich einschränken. Trotzdem hat nicht jede Frau mit einem Abriss Beschwerden. Erfreulicherweise bessern sich bei etwa der Hälfte die Symptome im ersten Jahr nach der Geburt.

Heilt eine Levatoravulsion von selbst?

Nein. Muskeln können nicht wieder anwachsen. Mehrere Langzeitstudien mit Ultraschall und MRT zeigen das. Ein vollständiger Abriss, der einige Monate nach der Geburt sichtbar ist, ist auch drei Jahre später noch da. Zurück geht nur die Schwellung im Gewebe.

Abwarten und hoffen hilft Frauen nicht. Professionelles Beckenbodentraining hilft immer. Frauen mit Verdacht auf eine Avulsion sollten unbedingt in die Einzeltherapie zu einer spezialisieren Beckenbodenphysiotherapeutin gehen- und zwar möglichst früh.

Wie kannst du eine Levatoravulsion erkennen?

Der Check nach 6 Wochen ist zu früh, um eine Levatoravulsion zu diagnostizieren. Zuverlässig nachweisen lässt sie sich erst etwa drei Monate nach der Geburt und sicher ab etwa 12 Monate. Vaginales Tasten ist oft nicht ausreichend, 3D/4D -Ultraschall ist der Goldstandard. Dabei wird auch gut sichtbar, wie weit der Hiatus ist und wie er sich unter Belastung verhält.

Betroffene können also auch in deinen Rückbildungskursen auftauchen - und zwar bevor sie eine Diagnose haben.  Deine Beobachtung ist deshalb sehr wichtig und entscheiden, ob eine Frau zur Abklärung geht oder weitere Monate mit ihren Beschwerden allein bleibt.

Die ersten und wichtigsten Hinweise gibt dir die Anamnese. Frag nach dem Geburtsverlauf, nach den Beschwerden und danach, wie die Frau ihren Beckenboden wahrnimmt. Genau das lernst du in der BeBo®-Ausbildung.

Nutze ausserdem den deutschen Beckenbodenfragebogen, der die Symptome einer Avulsion erfragt.

Hilft Beckenbodentraining bei einer Levatoravulsion?

Ja, auch wenn es den Abriss nicht rückgängig macht. In einer randomisierten Studie trainierten Frauen nach der Geburt 16 Wochen lang ihren Beckenboden. Am Ausmass der Avulsion änderte sich dadurch nichts, weder mit noch ohne Training.

Trotzdem bleibt das Beckenbodentraining die wichtigste Methode der Therapie. Es kräftigt die Muskelanteile, die noch intakt sind und verbessert die Kontinenz. Im Alltag werden Frauen belastbarer. Vor allem bei Anrissen und Überdehnungen lassen sich die Beschwerden spürbar lindern. Angeleitetes Training wirkt dabei besser als ein Übungsblatt für zu Hause, denn es kommt auf die korrekte Durchführung an.

Vier Tipps für die Arbeit mit einer Levatoravulsion

  • Beginne bei der Wahrnehmung, zum Beispiel nach dem BeBo®-Beckenboden-ABC.

  • Finde heraus, ob der Beckenboden auf beiden Seiten gleich gut funktioniert

  • Übe das Anspannen des Beckenbodens vor dem Husten oder Heben.

  • Bring das Training in den Alltag, genau wie du es in der BeBo®-Ausbildung gelernt hast.

Wann hilft ein Pessar bei einer Levatoravulsion?

Weil die stützende Funktion des Levators fehlt oder reduziert ist, drücken oder senken sich Organe nach unten in die Vagina. Genau hier setzt das Pessar an. Es stützt die abgesenkten Strukturen von innen und nimmt Druck aus dem Gewebe. Studien zeigen, dass sich Senkungs- und Blasenbeschwerden damit über Monate deutlich bessern. Pessare tragen heute auch junge Frauen nach der Geburt.

Bei einer Levatoravulsion hält ein Pessar wegen des weiten Hiatus manchmal schlecht. Oft braucht es mehrere Versuche mit verschiedenen Formen. Den Abriss heilt es nicht. In Kombination mit Beckenbodentraining macht es den Alltag aber sicherer, schmerzärmer und lebenswerter.

Was bringen Operationen bei einer Levatoravulsion?

Eine Operation, die den Muskel wieder am Knochen befestigt, ist bis heute kein Standard. Besteht gleichzeitig eine Senkung, wird zuerst die etablierte Prolapschirurgie eingesetzt. Sie behebt den Levatorschaden nicht, kann die Beschwerden aber deutlich lindern.

Die direkte Rekonstruktion ist in kleinen Fallserien beschrieben. Das Team um Frédéric Ris in Genf näht den abgerissenen Muskel wieder am Schambeinast fest und berichtet von einer subjektiven Erholung. Langzeitdaten fehlen, und als Nebenwirkungen wurden De-novo-Dyspareunie und lokale Schmerzen beobachtet. Die Arbeitsgemeinschaft für Urogynäkologie und plastische Beckenbodenrekonstruktion stuft solche Eingriffe als experimentell ein. Sie sind deshalb nur bei ausgewählten Fällen empfehlenswert.

Dr. med. Kaven Baessler

Dr. Kaven Baeßler über die Levatoravulsion beim 15. BeBo® Symposium

Mehr zur Levatoravulsion erfährst du direkt von PD Dr. Kaven Baeßler beim 15. BeBo® Symposium. Es findet am Samstag, 16. Januar 2027 von 9 bis 17 Uhr im Stadtspital Triemli in Zürich statt, du kannst auch online dabei sein. Das Thema lautet „Dem Beckenboden auf der Spur: erkennen, verstehen, anwenden“.

In ihrem Vortrag spannt sie den Bogen von den Risikofaktoren bis zu den Behandlungsmöglichkeiten. Du erfährst anhand modernster Bildgebung, woran du eine Avulsion erkennst und wie du betroffene Frauen nach dem neuesten Forschungsstand begleitest.

Die BeBo®-Ausbildung

Wahrnehmung, Befundung und ein Training, das im Alltag anwendbar ist: Genau das lernst du in den BeBo®-Ausbildungen. Seit 30 Jahren bilden wir Fachpersonen aus, die u.a. Frauen vor und nach der Geburt kompetent begleiten.

Du hast Interesse an einer Beckenbodenausbildung bei BeBo®? Dann melde dich bei uns, wir beraten dich, welcher Weg zu dir passt.

Literatur

Jenn- Ming Yang, Wen-Chen Huang, Update on Diagnosis and Treatment for Levator Avulsion, Journal of Medical Ultrasound ,2025, PubMed 40521314

M.: van Gruting et al., Natural history of levator ani muscle avulsion 4 years following childbirth, Ultrasoung Obstet Gynecol. 2021, PubMed 32936957

Thomas Fink; Kaven Baessler, Therapie bei Levatorverletzungen ,Gynäkologie+Geburtshilfe 2026;31 (3)