Pessare und Beckenbodentraining
:format(png))
Pessare stützen deine Beckenorgane von innen, lindern Beschwerden bei Senkung und Belastungsinkontinenz und funktionieren gut in Kombination mit Beckenbodentraining.
Was ist ein Pessar?
Ein Pessar ist ein kleines medizinisches Hilfsmittel aus weichem Silikon, manchmal rund wie ein Ring, manchmal würfelförmig, manchmal geformt wie eine kleine Schale. Es kann dir bei Senkungen der Beckenorgane und bei Belastungsinkontinenz helfen. Du führst es in die Vagina (Scheide) ein, damit es dort die Gebärmutter, die Blase, die Harnröhre und/oder den Darm stützt.
Du kannst Pessare beim Sport, bei der Arbeit und/ oder im Alltag tragen. Die meisten Frauen vergessen sie komplett, wenn sie gut sitzen.
:format(jpeg))
Wann sollte ich mir ein Pessar verschreiben lassen?
Pessare können vor allem bei zwei Beschwerdebildern zum Einsatz kommen: bei einer Senkung der Beckenorgane und bei Belastungsinkontinenz. Beide Probleme treten häufig nach Geburten, in den Wechseljahren oder bei einer angeborenen Bindegewebsschwäche auf.
Das Pessar bei einer Senkung
Bei einer Senkung rutschen Gebärmutter, Blase oder Darm langsam tiefer ins Becken. Das kannst du z. B. als Druck nach unten, manchmal als Fremdkörpergefühl, oft beim Heben oder am Ende eines langen anstrengenden Tages spüren. Wenn du ein Pessar einführst, kann es deine Organe stützen, und sie zurück in ihre Position bringen. Zudem entlastet es die passiven Strukturen, die die Organe im Beckenraum fixieren.
Das Pessar bei Belastungsinkontinenz
Bei Belastungsinkontinenz verlierst du Urin beim Lachen, Husten, Niesen oder Sport. Ein Pessar kann dann deine Harnröhre stabilisieren. Der Verschlussmechanismus funktioniert wieder besser und du fühlst dich sicherer.
Welche Pessar-Arten gibt es?
Pessar ist nicht gleich Pessar. Je nach Beschwerdebild gibt es verschiedenen Formen und Grössen. Deshalb ist es wichtig, dass du dich von deiner Gynäkologin, PhysiotherapeutIn oder einer BeBo®-BeckenbodentherapeutIn beraten und untersuchen lässt. Bei der Anpassung werden verschiedene Formen und Größen getestet, bis du eine findest, die für dich geeignet ist und du sie beim Tragen nicht spürst.
Die wichtigsten Modelle:
:format(jpeg))
Ring-Pessare:
flexibel, leicht selbst einzuführen, geeignet bei leichteren Senkungen und Belastungsinkontinenz.
:format(jpeg))
Schalen-Pessare:
stabilisieren zusätzlich und werden oft bei mittlerer Senkung verschrieben.
:format(jpeg))
Würfel-Pessare:
saugen sich an den Scheidenwänden fest und halten auch stärkerem Druck stand. Eingesetzt bei ausgeprägteren Senkungen.
:format(jpeg))
Keulen- und Gellhorn-Pessare:
kommen bei stark ausgeprägten Senkungen zum Einsatz.
:format(png))
Urethra-Pessare:
helfen gezielt bei Harninkontinenz und stützen die Harnröhre.
Was Studien über Pessartherapie zeigen
Eine der wichtigsten Untersuchungen der letzten Jahre ist eine niederländische Studie aus dem Jahr 2022, veröffentlicht im Fachjournal JAMA (Journal of the American Medical Association). 440 Frauen mit symptomatischer Organsenkung wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine erhielt eine Pessartherapie, die andere wurde operiert. Nach 24 Monaten berichteten 76 Prozent der Pessar-Gruppe von einer deutlichen Verbesserung. In der OP-Gruppe waren es 81 Prozent. Der Unterschied ist sehr gering, vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Pessar keine Narkose, keine Reha und keine bleibende Veränderung mit sich bringt. Letztendlich musst du mit einer Fachperson entscheiden, was das Richtige für dich ist.
(Quelle: van der Vaart et al., "Effect of Pessary vs Surgery on Patient-Reported Improvement in Patients With Symptomatic Pelvic Organ Prolapse", JAMA 2022.)
Bei BeBo® sehen wir das in der Praxis bestätigt. Frauen, die ein gut angepasstes Pessar tragen, können schneller und nachhaltiger zu einer guten Lebensqualität zurückkommen. Besonders dann, wenn sie parallel mit gezieltem Beckenbodentraining nach dem BeBo®-Konzept arbeiten.
Pessare und Beckenbodentraining: warum die Kombination so effektiv ist
Ein Pessar ist kein Ersatz für Training, und Training ist kein Ersatz für ein Pessar. Beide arbeiten auf verschiedenen Ebenen, und genau deshalb ergänzen sie sich so gut.
Bei einer Senkung kann ein Pessar die Organe zurück in ihre Position bringen und das Bindegewebe entlasten. Der Beckenboden muss nicht mehr permanent dagegenhalten und kann seine eigentliche Arbeit machen: kräftigen, halten, loslassen und mitschwingen.
Wenn du deinen Beckenboden entlastest, kann dein Beckenbodentraining effektiver werden. Du spürst deinen Beckenboden besser, kannst ihn gezielter ansteuern, und die Muskulatur kann schneller auf Übungen reagieren. Bei BeBo® erleben wir das immer wieder. Klientinnen, die monatelang ohne sichtbaren Fortschritt geübt haben, können mit einem passenden Pessar plötzlich Erfolge spüren.
Wichtig ist die Reihenfolge in der Übung selbst. Egal ob du mit Pessar trainierst oder ohne. Du spannst beim Ausatmen sanft an, hältst die Anspannung über einige Atemzüge und lässt beim Einatmen los und vermeidest jeden Pressdruck nach unten. Ein Pessar darf dich beim Training nicht stören. Wenn doch, sitzt es nicht richtig.
Beckenbodenübung mit Pessar
So gehst du vor:
Stell dich hüftbreit hin.
Atme ruhig ein und lass den Bauch weich werden.
Beim Ausatmen schliesst du sanft die drei Körperöffnungen und ziehst sie leicht nach innen oben.
Stell dir vor, du würdest etwas Kleines wie einen Kirschkern dort halten.
Beim Einatmen lässt du komplett los.
Wiederhole das zehnmal ohne jegliche Anstrengung.
Diese Übung kannst du mit oder ohne Pessar machen.
Mit eingesetztem Pessar spürst du den Beckenboden oft deutlicher.
:format(jpeg))
Wie du dein Pessar im Alltag pflegst
Die Pflege ist einfacher, als du vielleicht denkst. Am Abend nimmst du das Pessar aus der Vagina, reinigst es mit warmem Wasser und milder Seife und lässt es über Nacht draußen. Morgens setzt du es wieder ein. Diese tägliche Pause schützt die Schleimhaut vor Druckstellen und reduziert das Risiko für Infektionen.
Manche Pessare (z.B. Ringpessare) dürfen länger in der Scheide bleiben, andere müssen (z.B. Würfelpessare) jeden Tag herausgenommen werden. Welcher Rhythmus für dich richtig ist, hängt von der Form des Pessars und deinem Beschwerdebild ab. Die meisten Pessare bestehen aus medizinischem Silikon. Bei hartnäckigen Ablagerungen kannst du eine weiche Zahnbürste benutzen, auskochen ist normalerweise nicht nötig.
Wenn du eine Pilzinfektion oder eine bakterielle Infektion hattest, ersetze dein Pessar lieber. Auf der Oberfläche können sich Biofilme bilden, die spätere Infektionen begünstigen.
Welche Nebenwirkungen Pessare haben können
Pessare sind sicher, aber Nebenwirkungen kommen vor.
Am häufigsten sind:
ein leichtes Druck- oder Fremdkörpergefühl, besonders in den ersten Tagen
mehr vaginaler Ausfluss als gewohnt
kleine Schleimhautreizungen
Seltener treten Entzündungen oder Druckstellen auf. Das passiert meistens, wenn das Pessar nicht optimal sitzt oder zu lange nicht gereinigt wurde. Beides lässt sich vermeiden, wenn du regelmäßig zur Kontrolle gehst und die Pflege im Alltag konsequent machst.
Bei einer ausgeprägten Blasensenkung kann ein Pessar in seltenen Fällen das Wasserlassen erschweren, weil die Blase abgeknickt wird. Restharn ist dann möglich. Auch deshalb ist die regelmäßige Kontrolle unerlässlich. Grundsätzlich sollten das Wasserlösen und Stuhlentleerung auch mit Pessar ohne Probleme machbar sein.
Wichtig: Wenn du Schmerzen, anhaltende Reizungen oder eine ungewöhnliche Blutung bemerkst, lass das Pessar überprüfen. Ein gutes Pessar spürst du nicht.
Vaginale Schleimhautpflege
Um die Schleimhaut der Vagina gut auf die Pessartherapie vorzubereiten, ist es ratsam, diese 2 bis 3 Wochen vor Beginn der Therapie bereits gut zu pflegen. So vermeidest duIrritationen oder allfällige Läsionen. Bei einer atrophen Schleimhaut, wie es oft in der Postmenopause vorkommt, empfiehlt sich eine östrogenhaltige Salbe. Du kannst sie dir von deinem Gynäkologen verschreiben lassen. Wer dies nicht möchte oder nicht braucht, kann mit einer Creme arbeiten, die Milchsäurebakterien und oder Hyaluronsäure enthält. Diese Cremes werden intravaginal angewendet, um die Durchblutung der Schleimhaut zu verbessern. Auch der äussere Intimbereich zwischen den Vulvalippen bis beim Eingang der Vagina braucht Pflege und Vorbereitung. Hier empfiehlt sich mit einer fetthaltigen Creme oder einem Intimöl zu arbeiten. Die Creme oder das Öl wird zwischen den Vulvalippen und am Eingang der Vagina eingerieben. Hier kann mit einer sanften Massage das Gewebe zusätzlich auf das Einführen des Pessars vorbereitet werden.Die Schleimhautpflege macht Frau einmal pro Tag, am besten über die Nacht, da sich nicht alle Cremes und Öle für die äussere Anwendung mit den Pessaren vertragen. Wir empfehlen dir, dass du die Pflege der Schleimhaut auch während der Pessartherapie weiterzuführst.
So setzt du dein Pessar ein
Die ersten Versuche brauchen Geduld. Lass dich von einer Fachperson anleiten. Dann kannst du deine eigene Position und deinen eigenen Rhythmus finden. Was den meisten Frauen hilft:
Hände gründlich waschen, bevor du das Pessar anfasst.
Eine bequeme Position einnehmen: stehend mit einem Bein erhöht, in der Hocke oder im Liegen.
Das Pessar leicht zusammendrücken und tief in die Vagina (Scheide) einführen, bis es sich entfaltet und stabil sitzt.
Mit dem Finger prüfen, ob es richtig liegt. Du solltest es nicht spüren, wenn du aufstehst.
Zum Herausnehmen löst du (bei den Würfelpessaren) immer zuerst das Vakuum, dann ziehst du das Pessar vorsichtig am Rand heraus. Bei manchen Modellen gibt es eine kleine Schlaufe oder einen Vorsprung, der das erleichtert.
Die Geschichte der Pessartherapie
Pessare gehören zu den ältesten medizinischen Hilfsmitteln der Welt. Hippokrates empfahl rund 400 vor Christus einen ungewöhnlichen Behelf: einen halbierten, in Essig oder Wein getränkten Granatapfel, der in die Scheide eingeführt wurde und dort als Stütze diente. Der römische Arzt Soranos von Ephesos arbeitete später mit Tampons aus Wolle und Olivenöl. Im Mittelalter griff man zu Leinen und Baumwolle, getränkt in unterschiedlichsten Mischungen. Trotula von Salerno, eine der ersten überlieferten Ärztinnen der Gynäkologie, entwickelte um 1050 ein Ballpessar aus Leinenstreifen. Später kamen Kork, Messing, Gold und Silber zum Einsatz, bis im 19. Jahrhundert Gummi und schliesslich Silikon die Materialien revolutionierten. Heute sind Pessare aus medizinischem Silikon: weich, hautverträglich und in vielen Formen erhältlich. Was Hippokrates mit einem Granatapfel begann, ist heute eine wissenschaftlich gut belegte Therapieoption
:format(png))
Pessartherapie und Beckenbodenarbeit bei BeBo®
BeBo® bildet seit 30 Jahren Fachpersonen für die Beckenbodenarbeit aus und ist führender Anbieter im deutschsprachigen Raum. Unsere Aufbaulehrgänge in Therapie und Training vermitteln dir, wie du Frauen mit Senkungen, Inkontinenz und nach Geburten kompetent begleitest, und wie du die Pessartherapie sinnvoll in dein BeBo®-Behandlungskonzept einbindest. Du hast Interesse an einer Ausbildung bei uns? Dann melde dich gerne zu einem Beratungsgespräch an. Wir beraten dich, welcher Kurs zu deinem Hintergrund passt.